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Wanderreportagen ABO

Blütenweiss oder Frühlingsgrün?

Auf einen Blick: Gempen SO
10.04.2026 • Text und Bilder: Rémy Kappeler
Äpfel- und Birnbäume blühen später als Kirschbäume. Dann ist die Natur schon grüner.
«Chriesibluescht» nahe des Gempen
Arlesheim, Dorf — Gempen, Dorf • BL

«Chriesibluescht» nahe des Gempen

Wann in den Solothurner Jura losziehen? Wenn die Kirschbäume blühen oder die Landschaft schon saftig grün ist? Beides hat seinen Reiz, ist aber nicht gleichzeitig zu haben. Wer die Kirschblüte wählt, muss Anfang bis Mitte April bereit sein, um bei einem Schönwetterfenster gleich losmarschieren zu können. Etwas gemächlicher ist der Frühling zu erleben: Erst im Mai leuchtet die Natur sattgrün. Die Tour beginnt in Arlesheim BL, genauer in der dortigen Ermitage. Es ist ein abgeschiedener Ort der Stille. Die Gartenanlage hat drei Weiher, eine Eremitenklause und zahlreiche kleinere und grössere Höhlen. Auf der Hügelspitze thront das Schloss Birseck. Wer länger an diesem friedlichen Ort weilen möchte, findet auf der Website einen Rundgang mit über 30 Stationen. Nach diesem gemächlichen Start geht es durch Wald und an Felswänden vorbei hinauf zur Schönmatt. Sie ist etwas weniger bekannt für die «Chriesibluescht» als andere Orte und deshalb nicht überlaufen. Zwischen dem gleichnamigen Restaurant und dem Weiler Stollenhäuser stehen über 1000 Obstbäume. Eine wahre Pracht, die leider über Asphalt zu durchqueren ist. Nach Stollenhäuser wird es nochmals etwas steiler, um bald darauf flach und waldig die Schartenflue zu erreichen. Der dortige Turm kann erklommen werden: Dazu braucht es einen Einfränkler, um die Drehtüre zur Treppe zu öffnen. Der Stahlturm ist 28 Meter hoch und verfügt über fünf Etagen. Von der obersten aus blickt man bei gutem Wetter weit ins Baselbiet, ins Elsass, in die Vogesen und in den Schwarzwald hinein. Etwas weniger, aber immer noch genug Weitsicht bieten die Terrasse der Bärgbeiz Gempenturm oder die einfachen Feuerstellen auf der Flue. Danach ist es noch etwa eine halbe Stunde bis Gempen Dorf.

zum Wandervorschlag

Dies sollte ein klassischer Chriesiwandervorschlag werden – ein weisses Blütenmeer, das sich vom Tiefblau des Himmels abhebt. Ich machte mich bereit, sofort loszuziehen, wenn die Blüte Mitte April beginnt und das Wetter gut ist. Dann sprach ich mit Patrick Saladin von der Natur- und Landschaftskommission Nuglar-St. Pantaleon. Er erzählte mir, wie sich an zwei Wochenenden pro Jahr zahlreiche Leute im solothurnischen 1500-Seelen-Dorf einfänden, um sich an den 10 000 Obstbäumen zu ergötzen.

Patrick Saladin erwähnte die Probleme, welche die in der Region dominierenden Kirschbäume stellten. Seit einigen Jahren machen die Kirschessigfliegen die sonst schon aufwendige Ernte noch schwieriger. Sie befallen die reifenden Früchte und führen zu erheblichen Ernteausfällen. Auch der Klimawandel setze den Bäumen zu: lange Trockenperioden im Sommer, hohe Temperaturen früh im Jahr, gefolgt von Spätfrosten. Die Bäume seien zudem anfälliger, weil – zum Glück, wie Saladin sagt – weniger Pestizid eingesetzt werde als früher und natürliche Gegenspieler fehlten. «Unter diesen Umständen wird es immer schwieriger, die Kirschbäume zu bewirtschaften. Auch weil die Qualitätsanforderungen der Abnehmer steigen und es schwierig ist, Helfende für die Ernte zu finden», sagt er. «So verschwinden immer mehr Kirschbäume. Dieser allmähliche Abschied stimmt wehmütig.»

Doch was könnte die Blütenpracht ersetzen? «Wir müssen lernen, die Natur ganzheitlicher anzuschauen», antwortet Saladin. Seine Kommission empfehle, neben robusten Obstsorten auch Wildobstbäume und einheimische Beerensträucher anzupflanzen. Sie blühen nicht gleichzeitig und geben der Landschaft Kleinstrukturen, die für viele Lebewesen wichtig sind. «Das intensive Frühlingsgrün, die farbige Blumenvielfalt artenreicher Wiesen, das vielfältige Vogelkonzert aus einer Hecke – sie stehen der Kirschblüte in ihrer Schönheit in Nichts nach. Darauf sollten wir setzen.»


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