Von Eseln und anderen Langohren
Üppiger Wald und ein Wasserfall im Malcantone
Diese Wanderung durchs Malcantone bietet viel Natur – und eine kleine Lektion Geschichte. Die Dörfer Breno und Miglieglia lieferten sich während Jahrhunderten eine Fehde um den Flecken Land namens Tortoglio. Zum Glück konnten die Streitereien Anfang des 20. Jahrhunderts beigelegt werden. Zwei Brunnenfiguren in den Dörfern erinnern noch daran: der Asino di Breno und das Mulo di Miglieglia. Bis heute necken sich die Menschen mit diesen Übernamen: Jene aus Breno werden Esel genannt, jene aus Miglieglia Maultiere. Die Wanderung beginnt in Miglieglia. Man wandert südwärts Richtung Novaggio und von dort über den Bergwanderweg hinunter an die Magliasina. Dichter Wald, viel Farn und Moos sorgen für saftiges Grün. Es geht auf und ab durch die Hügellandschaft, bevor man – erneut dem Flüsschen entlang – durch einen Auenwald mit Weisserlen Maglio erreicht. Dort lädt ein malerischer Wasserfall mit tiefen Becken zum Abkühlen ein. Daneben liegt die restaurierte Hammerschmiede von 1860, die von einem Wasserrad angetrieben wurde. Sie kann von April bis Oktober besichtigt werden. Daneben gibt es einen kleinen Kiosk. Am Ufer der Magliasina geht es weiter bis Rencé, wo der Aufstieg nach Breno ansteht. Es lohnt sich, noch etwas durch die engen und mit Natursteinen gepflasterten Gässlein zu schlendern. Der Eselsbrunnen liegt direkt am Wanderweg, der einen anschliessend in Kastanienwälder entführt. Bei Tortoglio steht eine kleine Kapelle, in der eine Gedenktafel an die Versöhnung der beiden Dörfer 1907 erinnert. Das letzte Stück Weg schlängelt sich durch den Wald, bevor es – über den Hügel mit der Kirche und durchs schöne Dorf – an der Bushaltestelle «Miglieglia, Paese» beim Brunnen endet, dessen Maultier aus Bronze mit den Hinterbeinen in Richtung Breno ausschlägt.
Das Maultier auf dem Dorfbrunnen von Miglieglia ist wild und kräftig, ein richtiger Jungspund. Es schlägt mit den Hinterbeinen aus – nicht zufällig in Richtung des Nachbardorfes Breno. Auf dem dortigen Brunnen steht auch ein Tier: ein Eselchen, putzig und unschuldig schaut es Richtung Südosten, etwas von Miglieglia weg, als könnte es keiner Fliege etwas zuleide tun. Die beiden Paarhufer gehören zoologisch in dieselbe Familie, und doch unterscheiden sie sich. Wie die Bewohnerinnen und Bewohner der beiden Dörfer, durch welche diese Wanderung führt.
Austeilen und ignorieren: Die Brunnenfiguren von Miglieglia (links) und Breno überwinden alte Fehden spielerisch.
Kluge Tiere
Zu Beginn der Tour in den tiefgrünen, schattigen Wäldern unterhalb von Miglieglia und entlang des Flüsschens Magliasina drehen sich die Gedanken um Esel und Maultiere: Was ist eigentlich der Unterschied? Würde ich die beiden erkennen, wenn ich sie anträfe? Und gibt es nicht auch den Maulesel? Die Zoologie klärt auf: Maultiere und Maulesel sind beides Kreuzungen von Esel und Pferd. Beim Maultier ist die Mutter ein Pferd und der Vater ein Esel; beim Maulesel verhält es sich umgekehrt. Maultiere sind einfacher zu züchten und deshalb häufiger.
Die Charaktereigenschaften von Maultieren und Eseln sind ähnlich: Beide sind vorsichtig, klug und selbstbestimmt, der Esel etwas sturer und ruhiger, das Maultier etwas sozialer und hälftig mit der Energie des Pferdes gesegnet. Während der Esel nur arbeitet, wenn er sich sicher fühlt, ist das Maultier generell arbeitsfreudig. Kurz vor der ersten Rast bei der Mühle und dem prächtigen Wasserfall stelle ich fest: Für den Laien ist das gar nicht so einfach.
Braver Esel
So erreichen wir einige Zeit später Breno, das Dorf der Esel. Wir sind bei Gabrio Baldi zum Kaffee in seinem Garten eingeladen. Er ist im Vorstand von Ticino Sentieri, der kantonalen Wanderwegorganisation, und hat uns vor etwa zwei Jahren erstmals von der Rivalität der beiden Dörfer erzählt, von den Asen di Breno und den Müi di Miglieglia. Doch er will sich nicht auf die Äste hinauslassen, da er erst seit ein paar Jahren hier wohnt. Eins habe er rasch mitbekommen: Vor allem am Carnevale werden die Neckereien ausgiebig gepflegt. Gabrio begleitet uns noch bis zum Eselsbrunnen. Daneben steht ein nigelnagelneuer Wanderwegweiser und zeigt nach Miglieglia.
Austeilen und ignorieren: Die Brunnenfiguren von Miglieglia (links) und Breno überwinden alte Fehden spielerisch.
Liebesbedürftige Esel
Dorthin gehen wir aber noch nicht, wir wollen erst noch die echten Esel am unteren Dorfrand besuchen. Fünf Tiere weiden dort friedlich, und sobald wir uns ihnen nähern, kommen sie neugierig auf uns zu. Es sind zahme Tiere, hat uns die Bäuerin vorgängig versichert. Wir streicheln sie, und sie lassen nicht mehr von uns los. Mehr noch: Beim Weggehen verfolgen sie uns und wollen mehr Streicheleinheiten. Nichts von störrischem, eigensinnigem Verhalten, stellen wir belustigt fest.
Die Esel in Breno sind nicht störrisch. Sie begrüssen den Besucher neugierig.
Sture Streithähne
Wir lassen Breno hinter uns und wandern durch Kastanienwälder nach Tortoglio, wo nur zwei Häuser und eine kleine Kapelle die Strasse säumen. Damiano Robbiani, Historiker und Leiter des Museo del Malcantone in Curio, steigt aus dem Auto und empfängt uns herzlich. Der 40-Jährige beginnt, die Geschichte dieses Ortes zu erzählen: «Denn hier, wo im Mittelalter ein Dorf stand, hat alles begonnen.»
Aufschlussreiches Treffen in der Kapelle von Tortoglio: Historiker Damiano Robbiani erzählt die Geschichte hinter der Dorffehde.
Im fünfzehnten Jahrhundert von der Pest heimgesucht, beschlossen die überlebenden Bewohnerinnen und Bewohner, ins Nachbardorf Miglieglia zu ziehen. Sie liessen die verlassenen Häuser verfallen, Sträucher überwucherten die Weiden und Äcker, der Wald dehnte sich aus. Für Miglieglia war Tortoglio offenbar nicht mehr wichtig.
Nicht so für Breno, das eines Tages Anspruch auf das Gebiet erhob. Das Dorf besass selbst zu wenig Landwirtschafts- und Weideland und glaubte, dieses in Tortoglio zu finden. Doch Breno stiess auf hartnäckigen Widerstand des Nachbardorfes. Ein jahrhundertelanger Streit begann, «eine verworrene Angelegenheit» sei es gewesen, wird ein Rechtsanwalt namens Oreste Gallacchi im Buch «Lineamenti storici del Malcantone» von Autor Virgilio Chiesa im Jahr 2002 zitiert. «Unklar definierte Rechte und die Unsicherheit über Fakten» hätten den Streit eskalieren lassen. Damiano Robbiani erzählt weiter: «Bald mussten sich Gerichte mit dem Zwist beschäftigen, leider ohne Erfolg.» Einmal mussten gar Soldaten eingreifen, um unter den Streithähnen zu schlichten. Ein andermal hatten Unbekannte in der Nacht zwölf Grenzsteine der Gemeinde Miglieglia entfernt.
Heute herrscht Ruhe auf dem Weg zwischen Breno und Miglieglia: Doch früher stritten die beiden Dörfer jahrhundertelang um dieses Land.
Versöhnte Bürgermeister
Erst Mitte des 19. Jahrhunderts kamen sich die beiden Gemeinden endlich näher. 1852 wurde eine Grenzlinie festgelegt, Anfang 1890 dann eine Einigung mit gegenseitigen territorialen Zugeständnissen erzielt. Es brauchte aber nochmals 17 Jahre, bis am Sonntag, 3. März 1907, mit einem Fest endlich offiziell Frieden einkehrte und die Menschen bereit waren, sich wieder zu versöhnen.
Am Nachmittag zogen die Menschen von Breno und Miglieglia in zwei Umzügen nach Tortoglio, angeführt von ihren jeweiligen Behörden und begleitet von Musikkapellen. Als sie sich trafen, umarmten sich die beiden Bürgermeister, ebenso zwei Kinder, eines aus Breno und eines aus Miglieglia.
Damiano Robbiani zeigt auf die Gedenktafel der Kapelle, in der wir stehen: «Sie wurde damals enthüllt. Mit dem Versprechen, dass sich die Menschen fortan von der Gewalt, die ihre Vorfahren sich gegenseitig angetan hatten, lossagen wollten.»
Bleibt die Frage, warum die Menschen sich gegenseitig gerade Maultiere und Esel nennen und dafür nicht andere Tiernamen wählen. «Es gibt keine zuverlässige Erklärung», sagt der Historiker. Im Tessin gebe es mindestens zwölf andere Dörfer, deren Menschen mit Esel betitelt werden. Und sieben weitere, die von Maultieren bewohnt sind.
Sympathische Mahnerinnen
Mit diesen Worten verabschiedet sich Robbiani. Bis nach Miglieglia und zum Ende dieser Rundwanderung ist es nicht mehr weit. Gleich bei der Postautohaltestelle steht das ausschlagende Maultier. Wie sein Pendant im Nachbardorf ist die Statue aus Bronze und aus der Zeit nach dem Friedensschluss. Während in Breno mit Ottorino Pelloni ein lokaler Künstler 1972 zu Werke schritt, tat es ihm neun Jahre später Else Andersen, eine dänische Künstlerin, die in Miglieglia lebte, nach. So erinnern die zwei Tiere an die längst überwundene alten Fehde – zwei sympathische Heldinnen, die einen wohltuenden Gegensatz zu so manchen Memorialen mit Generälen und Kriegsherren in stolzer Pose bilden.
Tipp
Beim Wasserfall, in dessen Becken gebadet werden kann, liegt die Hammerschmiede aus dem Jahr 1860. Eine Konstruktion sorgte dafür, dass die kreisförmige Bewegung des Wasserrades in eine vertikale umgewandelt wurde, sodass der Hammer auf den Amboss schlug. Die restaurierte Hammerschmiede kann von April bis Oktober täglich ausser montags besucht werden. Auch hat es einen Kiosk.