Vor einigen Wochen verbrachte ich ein paar Tage in der Ardèche, im Süden von Frankreich. Wie fast immer, wenn ich dort bin, blies der Mistral. Er ist ein scharfer, kalter Wind, der vom Norden her durchs Rhonetal peitscht und den Himmel freimacht. Dieser Wind ist für die Region so bezeichnend, dass er ihre Landschaft mitformt: Es gibt hier Bäume, die zerzaust in eine Richtung wachsen und aussehen, als wären sie dauernd in Bewegung.
Ich war draussen unterwegs, und der Wind bremste und schubste auch mich, verföhnte meine Haare und trieb mir das Tränenwasser in die Augen. Ich stapfte durch eine Ebene und wurde von den Böen immer wieder dazu gedrängt, mein Gleichgewicht auszubalancieren, anders zu atmen und dabei kurz innezuhalten. Irgendwann drehte ich mich genervt um, um mich kurz mit dem Rücken in den Wind zu lehnen, und schaute dadurch in die entgegengesetzte Richtung. Durch den Schleier meines Augenwassers registrierte ich einen Vogel, der in der schaukelnden Landschaft scheinbar regungslos im Himmel hing.
Ich blinzelte. Ein Glitch? Ein «Glitch in der Matrix» bezeichnet im 1990er-Science-Fiction-Klassiker «Matrix» einen kleinen, bizarren Hinweis auf eine Störung im Code der simulierten Welt. Ursprünglich beschreibt der Glitch eine kurze, unerwartete technische Störung. In Computerspielen sind es kleine Programmierfehler, die wiederum genutzt werden können, um das Spiel auszutricksen.
In allen Fällen wird eine Realität für einen Augenblick gestört. So einen Glitch-Moment erlebte ich gerade: Der Wind schubste mich aus dem Rhythmus, liess meine Realität flackern und brachte mich dazu, meine Umgebung neu zu betrachten. Nach einer Weile wandte ich mein Gesicht wieder dem Wind zu, wackelte mit zusammengekniffenen Augen weiter und merkte, dass ich das ja auch dauernd mache und nicht nur der Wind: Ich störe ein System, indem ich die Natur durchwandere. Für den Glitch bin ich also auch selbst verantwortlich. Und immer mal wieder gestört zu werden, hat doch durchaus auch etwas Gutes – innehalten macht meistens Sinn.