In dieser Frühsommernacht konnte ich lange nicht einschlafen. Es war trotz offenen Fensters stickig, mein Freund atmete schon länger geräuschvoll und regelmässig neben mir, und es schien, als rauschten die Züge auf der Eisenbahnbrücke lauter als sonst. Ab und zu erhellte der hypersensible Bewegungsmelder vom Nachbarhaus mein Schlafzimmer für einige Sekunden, dann war es wieder stockdunkel.
Ich versuchte krampfhaft, mich in den Schlaf zu zwingen, den ich nicht fand, und geriet stattdessen ins Grübeln. Meine Gedanken hingen bei einer längst vergangenen Situation fest, in der ich mich extrem peinlich verhalten hatte. Ich wog ab, drehte und wendete, bohrte, kratzte und stocherte. Ich brauchte unbedingt eine Lösung für dieses Problem. Dumm war nur, eine Lösung gab es beim besten Willen nicht, die Situation war ja bereits lange vorbei und vermutlich in den Augen aller anderen nur halb so peinlich und auch schon längst vergessen. Mit dem Grübeln konnte ich trotzdem nicht aufhören. Ich drehte Runde um Runde in meinem Kopf und beschwor dabei auch noch sämtliche anderen Peinlichkeiten aus meiner Biografie herauf. Mir wurde übel.
Obwohl Grübeln eine sehr isolierende Erfahrung ist, weiss ich eigentlich, dass ich damit nicht allein bin. Ein schwacher Trost. Es gibt Strategien, wie man damit umgehen kann: Laut meiner kurzen Internetrecherche ist geplante Grübelzeit eine davon. Das Grübeln in einen vorbestimmten Zeitslot zu verschieben und es sich hier gezielt zu erlauben, verspricht Ordnung und Kontrolle, das gefällt mir.
Seit Neustem versuche ich also, meine Wanderrouten zu Grübelzeiten zu machen. Letztens habe ich mir die Grübelerlaubnis erteilt und dann an Krähen gedacht, die Werkzeuge nutzen, um nach Futter zu grübeln. Food for thought. Meine Tritte schubsten mich aus dem Kopf in den Körper und richteten die Aufmerksamkeit auf die Natur rund um mich. Was für eine Erleichterung. Weil – sind wir ehrlich – so superwichtig sind meine persönlichen Konflikte dann doch nie.