Preisgekrönter Weg für ein wildes Tal
Einmal konnte Meinrad Degonda mit eigenen Augen beobachten, wie Steinbrocken direkt auf den Wanderweg im Val Sumvitg gedonnert sind. Er erinnert sich gut an jenen 8. August 2019. Der Gemeindevorstand von Sumvitg stand gerade vor seiner Jagdhütte, als sich um halb elf Uhr an der steilen Nordostflanke des Piz Miezdi ein ganzes Felspaket löste. Die Steine rollten bis auf den beliebten Hüttenweg zur Terrihütte SAC. Meinrad Degonda befürchtete, dass Wandernde getroffen worden sind. Wie durch ein Wunder wurde aber trotz Hochsaison niemand verletzt. Auf einer Talwanderung im Val Sumvitg sind die Abbruchstellen mehrerer Bergstürze gut zu sehen.
Die Einheimischen in der Surselva sind sich solche Ereignisse gewohnt. Hier wird niemand nervös, wenn irgendwo ein paar Steine ins Tal rutschen. In der flächenmässig riesigen Gemeinde Sumvitg, mit ihrem weitverzweigten Verkehrsnetz, kommt es immer wieder vor, dass auch Wege und Strassen getroffen werden. Dann wird eben weggeräumt und geflickt und das künftige Risiko abgeschätzt. «Man kann schlicht nicht überall eine Viertelmillion Franken investieren, um die Sicherheit zu erhöhen», sagt Walter Deplazes, Ingenieur und Bauleiter aus Surrein. Beim häufig begangenen Wanderweg in Richtung Greinahochebene wurde den Verantwortlichen das Risiko aber irgendwann zu hoch. Dank Fördergeldern konnten hier nachhaltige Massnahmen umgesetzt werden.
Im Val Sumvitg lösen sich immer wieder Felsbrocken und rollen die steilen Abhänge hinunter. © Reto Wissmann
Klimaerwärmung setzt Gelände zu
«Es sind heute mehr Leute auf den Wanderwegen unterwegs, und sie sind sensibilisierter, was Naturgefahren betrifft», sagt Walter Deplazes. Liege irgendwo ein Stein auf einem Wanderweg, werde dies sofort gemeldet. Zudem habe die Häufigkeit von Steinschlägen tatsächlich zugenommen. Schuld sei die Klimaerwärmung. Nur schon ein paar Grad setzen dem Gelände stark zu. In grosser Höhe taut der Permafrost. Aber auch weiter unten gibt es Auswirkungen: Je öfter Wasser im Fels morgens taut und abends wieder friert, desto eher beginnt er zu bröckeln.
Drei Generationen im Einsatz für ihre Heimat: Walter Deplazes, Meinrad Degonda, Elia Schmed (von links). © Reto Wissmann
Im hintersten Teil des Val Sumvitg musste der Wanderweg deshalb von der linken auf die rechte Talseite verlegt werden. Hier sind die Abhänge weniger steil und teilweise bewaldet. «Wald hält die meisten Steine auf», sagt Walter Deplazes und zeigt auf die knorrigen Tannen oberhalb des neuen Weges. Aus eigener Erfahrung weiss er allerdings, dass es sehr unheimlich ist, wenn es oberhalb des Waldes rumpelt. Kürzlich hat er das im Albulatal erlebt. Mit mulmigem Gefühl ist er hinter einen dicken Baum gestanden und hat gewartet.
Den Wanderweg auf die andere Talseite zu verlegen, war keine riesige Sache. Während des Zweiten Weltkriegs hatte die Armee bereits eine Fahrpiste angelegt, auf der sie Material bis ganz hinten ins Tal transportiert hat. Von dort ging es mit einer Seilbahn bis auf die Greinahochebene. Die Bahn ist längst verschwunden, von der Piste sind aber noch Überreste vorhanden, die jetzt als Wanderweg genutzt werden. Ganz hinten im Tal musste jedoch der Rein da Sumvitg überwunden werden, um den neuen Weg wieder an den alten Hüttenweg anzuschliessen.
Links der neue Weg, rechts der alte. © Walter Deplazes
Hochwasser und Badepools
Im Sommer plätschert der Bergbach hier sanft über blank geschliffene Granitplatten. In den harten Stein hat er natürliche Badepools geschliffen, die an heissen Tagen Wandernden eine willkommene Abkühlung bieten. Zwar kann es auch hier zu Hochwassern kommen. Da praktisch die ganze Greinahochebene durch das Tal entwässert wird, ist dies sogar nicht ganz selten. Einst waren die Strombarone scharf auf dieses Wasser, heute steht das ganze Gebiet jedoch unter Schutz. Für die Brückenplaner war aber weniger das Wasser als der Schnee ein Problem. Im Winter und Frühling donnern riesige Lawinen bis in den Talgrund. Der Weg ist dann zwar sowieso unter Schnee begraben, die Pfeiler und Widerlager einer Brücke müssen den Naturgewalten aber standhalten.
Vor dem Brückenbau werden die Fische ausgefischt. © Walter Deplazes
Die neue Brücke erhält massive Pfeiler, die im Winter Lawinen standhalten können. © Yannic Duff
Seit diesem Jahr überspannt eine zweifeldrige Lärchenholzbrücke mit massivem Mittelpfeiler den Bach, die vom Mobiliar Fonds Brücken & Stege unterstützt wurde (siehe Seite xy). Sie besteht aus einzelnen Teilen, die leicht demontiert werden können. Am Ende der Wandersaison wird nun jeweils ein Helikopter die Brückenteile an einen geschützten Ort fliegen. Der Aufwand scheint enorm, die Verantwortlichen sehen das jedoch pragmatisch: «In einem halben Tag ist das erledigt», sagt Walter Deplazes. Um Hochwassern standzuhalten, musste die Brücke genügend hoch gebaut werden. Damit sollte sie nun auch ein schweres Hochwasser, wie es im Schnitt nur alle 30 Jahre vorkommt, überstehen. Dass es auch schlimmer kommen kann, ist den Fachleuten klar. «Starkniederschläge haben wegen des Klimawandels zugenommen», so der Ingenieur. Für die Ewigkeit könne im Berggebiet aber sowieso nicht gebaut werden.
Die neue Brücke wird aus Lärchenholz gebaut. © Walter Deplazes
Die neue Brücke Encardens bringt Wandernde sicher ans andere Ufer des Reins da Sumvitg. © Walter Deplazes
Aufwendige Aufgabe
«Das Leben besteht aus Geschichten, schönen und weniger schönen», sinniert Walter Deplazes beim Picknick nahe der Brücke. Der neue Wanderweg sei auf jeden Fall eine gute Geschichte, auf die alle Beteiligten stolz sein könnten. Das sieht auch die Jury des Prix Rando, der bedeutendsten Auszeichnung für Wanderwegprojekte in der Schweiz, so. Sie zeichnet die Gemeinde Sumvitg mit dem diesjährigen Hauptpreis für gelungene Wanderwegprojekte aus, dotiert mit 20 000 Franken. Das ganze Vorhaben hat 250 000 Franken gekostet und mehrere Jahre gedauert. Wie aufwendig ein solches Projekt ist, ahnen Touristinnen und Touristen in der Regel nicht. So musste beispielsweise auf dem Gebiet des neuen Wegabschnitts besondere Rücksicht auf die Murmeltiere und die Fische im Bach genommen werden.
Dorfjugend packt an
Möglich war das Projekt nur, weil die ganze Gemeinde am gleichen Strick gezogen hat. Unter anderem hat auch die Jungmannschaft aus Surrein einen grossen Beitrag geleistet. Zehn junge Männer und Frauen haben mit Pickel und Schaufel die neuen Wegstücke gebaut. Einer davon war Elia Schmed. «Es ist schon cool, jetzt über den Weg und die Brücke zu wandern», sagt der 21-jährige Maurer. Er kann sich noch gut erinnern, wie er mit seinen Kameradinnen und Kameraden Steine geschleppt hat.
Die Jungmannschaft von Surrein hilft tatkräftig beim Bau des neuen Wanderwegs mit. © Meinrad Degonda
Jungmannschaften haben in der Surselva eine lange Tradition, bis heute gibt es noch in praktisch jeder Gemeinde eine solche. Alle Unverheirateten zwischen 16 und 33 sind Mitglied. Sie unternehmen Ausflüge, machen an Kirchenfesten mit oder wirken als Samichläuse. «Vor allem weil heute viele ihren Geburtsort für das Studium oder die Arbeit verlassen, ist der Verein für den Zusammenhalt und das Heimatgefühl wichtig», sagt Elia Schmed. So wurde das Wanderwegprojekt schliesslich zu einer gelungenen Geschichte für Einheimische wie auch für Touristen.
Der Prix Rando ist die bedeutendste Auszeichnung für Wanderwegprojekte in der Schweiz. Alle zwei Jahre prämieren die Schweizer Wanderwege gemeinsam mit dem Bundesamt für Strassen (ASTRA) Projekte, die sich durch besonders hohe Qualität, Nachhaltigkeit und Innovationskraft auszeichnen.
Auf preisgekröntem Weg durchs wilde Val Sumvitg
Um ein Gebiet mit Steinschlaggefahr zu umgehen, wurden im Val Sumvitg der Bergwanderweg auf die andere Talseite verlegt und eine neue Brücke gebaut, damit der Zugang zur Terrihütte erhalten bleibt. 2026 wurde das Projekt mit dem Prix Rando ausgezeichnet. Auch ohne Abstecher zur Hütte ist die Brücke in der gleichermassen anmutigen wie rauen Landschaft ein lohnendes Wanderziel. Von Juni bis Oktober fährt vom RhB-Bahnhof Rabius-Surrein zweimal täglich ein reservationspflichtiger Bus Alpin bis zum kleinen Stausee Runcahez. Von da an führt der Wanderweg dem Rein da Sumvitg entlang immer weiter talaufwärts. Dank des Widerstands von Naturschützern gegen die Überflutung der Greinahochebene rauscht der Bergbach heute noch naturbelassen dem Vorderrhein entgegen. Vor allem ganz hinten im Tal, im Gebiet Encardens, hat er schöne Pools in den Granit geschliffen, die im Hochsommer Wandernden eine willkommene Abkühlung bieten. Nach einer ausgiebigen Rast bei der neuen Brücke geht es ein Stück weit den gleichen Weg zurück bis zum Übergang Clavaus, der auch für den Viehtrieb genutzt wird. Hier wechselt man die Flussseite und wandert gemütlich auf der linken Talseite abwärts. Plötzlich taucht ein verlassener Hotelkomplex aus dem Nichts auf. Das Tenigerbad entstand im 19. Jahrhundert, wurde in den 1970er-Jahren nochmals kräftig ausgebaut und ging dann bald Konkurs. Weitere Höhepunkte auf dem Rückweg sind die Punt pendenta, die Hängebrücke über einen Seitenbach des Rein da Sumvitg, und die traditionsreiche Ustria Val Sumvitg. Der letzte Abschnitt führt oberhalb einer wilden Schlucht bis nach Surrein, wo man von der gewagten Architektur des Wohnhauses von Simon Jacomet, einem einheimischen Skidesigner und Künstler, überrascht wird. Vom Dorfzentrum fährt ein Bus zurück zum Bahnhof – oder man wandert in gut 20 Minuten auf die andere Talseite.